Mein Gesprächspartner, Farschad, Vertreter der Firma FEKR KADE (iranisch für „Mit Denkansatz“), ist auch als externer Mitarbeiter für HAM-PAJE (iranisch für „Miteinander“) auf der Messe gewesen.

Für internationale Auftritte kooperieren diese im Grunde im Wettbewerb stehenden Verlage, die sowohl selbst den Vertrieb durchführen, als auch Produktionsaufträge an Subunternehmer vergeben.

Vorweg nach der Begrüßung war es Farschad wichtig, im Namen der iranischen Verlage auf der Messe die Enttäuschung darüber zum Ausdruck zu bringen, dass die Visa für die iranischen Kollegen abgewiesen wurden. Sein Visum hatte er ursprünglich für Spanien bekommen. Da Spanien jedoch zum Schengenraum gehört, konnte er nach Deutschland weiterreisen. Er selbst ist seit fünf Jahren im Brettspielbereich tätig, hat bisher etwa 300-400 Spiele gespielt. Als Promoter und Supporter war er in unterschiedlichen Lokalitäten und Veranstaltungen im Iran tätig und eröffnete mehrere Brettspielcafés. Aktuell arbeitet Farschad im Verlagswesen und in der Produktion.

Hamlet: Können Sie etwas zu den Spielen sagen, die Sie zur Messe mitgebracht haben?
Farschad: Wir sind aktuell mit drei Spielen auf der Messe präsent. Hierbei handelt es sich zum einen um das Spiel Don, zum anderen um das Spiel Chef (in diesem Kontext bedeutet dies „Gastwirt“). Der Titel des Spiels Nummer 3 lautet Bazaar 1295.

Beim Spiel Don handelt es sich um ein abstraktes Strategiespiel mit einer der des Schachspiels ähnelnden Spielfläche. Wir denken, dass dieses abstrakte Spiel in der internationalen Spielwelt Erfolg haben wird. Die Kunden im Iran bevorzugen allerdings eher Partyspiele und seichte Brettspielunterhaltung.

Chef hingegen wurde daher auch als Partyspiel konzipiert. Die Geschichte hierbei ist, dass jemand in einer fiktiven Stadt ein Restaurant eröffnet und jeder Spieler versucht, sich als Gastwirt zu profilieren.

Die Geschichte des Spiels Bazaar 1295 beginnt 95 Jahre nach Ernennung Teherans als persische Hauptstadt. Durch diesen bedeutenden Schritt beschleunigte sich die Einwanderung nach Teheran, was eine Expansion des Basars nach sich zog. Im Spiel versucht man während dieser Zeit, die Position des Basarvorstehers zu erlangen.

Hamlet: Ich gehe davon aus, dass Sie mehr als diese drei Spiele im Portfolio führen. Richtig?
Farschad: Ja, allerdings haben wir für den internationalen Markt für die Messe lediglich diese drei Spiele ausgewählt. Die anderen Spiele sind für den nationalen Markt vorgesehen.

Hamlet: Es hat mich erstaunt, beim Spiel Don Würfel zu sehen, die tatsächlich aus Stein gefertigt wurden, wo diese doch üblicherweise aus Kunststoff bestehen. Gab es einen Grund hierfür?
Farschad: Die Wirtschaftssanktionen haben zur Folge, dass wir keine Würfel aus Kunststoff herstellen können. Aus Verzweiflung haben wir die Produktion auf Stein umgestellt, da diese sich im Iran wesentlich einfacher gestaltet. Diese Notlösung hat sich allerdings später als ein schönes Alleinstellungsmerkmal herausgestellt. Die Leute empfinden diese Wahl des Materials als besonders schön. Die Würfel sind nicht nur in Sachen Material besonders, sondern zeichnen sich auch dadurch aus, dass sie nicht gewürfelt, sondern deren Werte gezielt einstellt werden.

Hamlet: Da ich das Spiel bereits gespielt habe und es durchaus mag und interessant finde, hoffe ich, dass es den Weg in den internationalen Markt finden wird. Können Sie mir hierzu schon etwas sagen?
Farschad: Glücklicherweise gibt es Neuigkeiten, allerdings kann ich hierzu noch nichts Genaueres sagen. Die Verhandlungen laufen noch. Es gibt jedoch Firmen, die Interesse haben, das Spiel zu lokalisieren.

Hamlet: Handelt es sich hierbei um deutsche Firmen?
Farschad: Nein, es sind zwei französische Firmen. Wirtschaftliche und politische Problematiken sind die Faktoren, die derzeit den Verträgen im Wege stehen.

Hamlet: Egal, was Sie tun, es ist im Grunde immer dieselbe Problematik wie mit der Visa-Vergabe oder? Farschad: Ja, genau. Egal was wir machen, es werden immer wieder aufs Neue Türen zugeschlagen und dann stehen wir jedes Mal wieder am Anfang.

Hamlet: Ich hoffe, dass diese Türen wieder geöffnet werden. Wie muss ich mir denn eigentlich die nationale Spielebranche im Iran vorstellen? Farschad: Ich glaube, dass die iranische Spielebranche ein echter Wachstumsmarkt ist, da es allein in Teheran bereits 20-30 Brettspielcafés gibt. Im Iran gibt es insgesamt über 300 Brettspielcafés – sogar in kleineren Städten. Dieser Wachstumsmarkt ist unglaublich. Wir als Verlag haben versucht, herauszufinden, woran das eigentlich liegen könnte. Hierbei haben wir festgestellt, dass, da im Iran Café-Bars und Casinos, generell Glückspiele verboten sind, die Menschen ihre Freizeit gern in Brettspielcafés verbringen. Denn Brettspiele an sich sind erlaubt. Ein Brettspielcafé ist auch eine der wenigen Lokalitäten, wo sich beide Geschlechter tatsächlich treffen dürfen, um Zeit miteinander zu verbringen. Das ist auch der Grund, weshalb Brettspielen im Iran eine besondere gesellschaftliche Bedeutung zukommt: Die Zahl der Brettspielcafés ist hoch und Brettspiele werden viel öffentlich gespielt. Diese Beschäftigung zählt zu den Top 3 der Hobbies der Iraner.

Hamlet: So wie ich es verstanden habe, sind die Wachstumsraten dann schon sehr hoch.
Farschad: Sie sind extrem. Wer es nicht selbst gesehen hat, würde es nicht glauben. Ich betreibe selbst 9 Brettspielcafés. An Wochenenden haben wir pro Café pro Tag 300-400 Gäste. Multiplizier das mal mit 9, das nochmal mit 2, da das Wochenende, das übrigens im Iran auf den Donnerstag und den Freitag fällt, ja aus zwei Tagen besteht. Bei der geringen Zahl der Freizeitgestaltungsmöglichkeiten fällt die Wahl recht schnell auf den Besuch eines Brettspielcafés.

Hamlet: Welche weiteren Projekte habt Ihr denn derzeit in der Pipeline?
Farschad: Wir haben aktuell zwei Spiele in Entwicklung. Das eine ist eine Art Wargame und wird voraussichtlich Partisan heissen. Es handelt sich hierbei um die iranische Gegenoffensive während des Iran-Irak-Krieges und soll das Vorgehen der iranischen Partisanen gegen auf iranisches Territorium vorgerückte irakische Truppen thematisch aufgreifen.

Das zweite Spiel ist eine Art Zivilisationsspiel. Hierzu kann ich allerdings noch wenig erzählen. Es wird jedoch noch ein weiteres abstraktes Spiel herauskommen vom Autor der Spiele Don und Bazaar 1295, Amin Nasri. Amin Nasri ist auch CEO und Mitgründer der Firma FEKR KADE. Abstrakte Spiele möchten wir bevorzugt von Amin designen lassen. Er ist übrigens Mathematiker und hat einen Doktortitel im Bereich Energiewesen.

Hamlet: Sehr interessant. Vielen Dank für das Gespräch. Ich hoffe sehr, dass es eine Wiederholung geben wird und dass Sie dann mit mehr Spielen in Essen vertreten sein werden, auch zum Verkauf.
Farschad: Ja, das hoffen wir auch. Vielen Dank! Sie sind herzlich eingeladen, uns mal im Iran zu besuchen und die iranische Spielkultur dort einmal live zu erleben.

Reality Games ist ein im Iran ansässiger Verlag, der es sich zum Ziel gesetzt hat, seine Spiele international zu vermarkten.
Aschkan, Mitarbeiter des Verlags stand mir als Interviewpartner zur Verfügung.

Hamlet: Aschkan, bitte stellen Sie sich einmal vor und erzählen Sie mir von Ihrem Spiel Zaar.
Aschkan: Hallo, ich bin Aschkan von Reality Games und würde gern das Spiel Zaar vorstellen.
Hierbei handelt es sich um eine in Spielform gegossene Darstellung eines alten iranischen Brauchs.
Unterschiedliche Personen der damaligen Elite (Gelehrte, Mediziner, Gemeindevorsteher) treffen sich, um Dämonen durch unterschiedliche Zeremonien, z.B. Entzünden von Räucherstäbchen, Tanzen, Gesänge, aus den Körpern von Besessenen zu vertreiben.

Für das Spiel haben wir den Körper des Besessenen durch ein Gebäude ersetzt. Hier versucht die Elite der damaligen Zeit das Gebäude Zimmer für Zimmer nach dem Dämonen abzusuchen und sich ihm dort kämpfend zu stellen, um ihn dort zu verbannen, bis es im letzten Zimmer zu einer finalen Auseinandersetzung kommt. Mittel dieser Auseinandersetzung sind kulturelle Werkzeuge, die von der Art her dem Spielwürfel und der Spielscheibe des Spiels sehr ähneln.

Bis zum Sieg über den Dämonen wird das Spiel kooperativ gespielt. Nach dem Sieg zerfällt das Gebäude und die Spieler müssen schnellstmöglich einen sicheren Ausgang erreichen. Auf der Flucht können sie unterwegs Münzen sammeln. Denn letztlich gewinnt der Spieler, der auf dem Weg zum Exitpunkt die meisten Münzen eingesammelt hat. An der Endwertung nehmen nur die Spieler teil, die den Ausgang erreicht haben.

Mit diesem Spiel haben wir es geschafft, die iranische Kultur der Dämonenaustreibung in einem Spiel darzustellen.

Hamlet: Sehr interessant. Danke für die ausführliche Beschreibung.
Es gibt noch ein weiteres Spiel in Eurem Programm. King, Thief, Minister. Können Sie mir auch hierzu etwas erzählen.
Aschkan: Das Spiel ist ein kartenbasiertes Bluffspiel für 3-6 Personen, in dem die Spieler temporär unterschiedliche Rollen annehmen können.
Im Spiel befinden sich 6 Karten mit 6 unterschiedlichen Charakteren und unterschiedlichen Eigenschaften. Bei den Charakteren handelt es sich um die namensgebenden König, Dieb und Minister sowie um Wache, Henker und Bürger. Es enthält darüberhinaus 30 Münzen.
Unabhängig von der Spielerzahl sind alle Charaktere im Spiel und liegen verdeckt aus. Im Idealfall liegt vor jeder Person eine verdeckte Karte. Spielen weniger als 6 Person mit, liegen einige der Karten zwar aus, jedoch nicht direkt vor einem Mitspieler.
Vor Spielbeginn darf jeder eine der verdeckten Karten anschauen, jedoch nicht die vor ihm selbst ausliegende Karte.

Anschließend wird ein Startspieler bestimmt. Dieser hat nun 3 Möglichkeiten:

  1. Man kann eine Münze bezahlen, um sich die vor einem selbst ausliegende Karte anzuschauen.
  2. Man kann die Karten mit dem linken oder rechten Nachbarn oder mit seinem Gegenüber tauschen.
  3. Man kann die Rolle der vor sich ausliegenden, verdeckten Karte (z. B. Dieb) benennen und ihre Charakterfähigkeit ausführen, unabhängig davon, ob es sich bei der Karte überhaupt um diesen Charakter handelt. Es sei denn, einer der Mitspieler, der von sich behauptet, der Wachmann zu sein, zweifelt die Behauptung der Rolle der Karte an. Hat der vermeintliche Wachmann recht, sehen sich der aktive Spieler und er die Karte an und der falsche Dieb muss eine Münze an die Bank zahlen. Hat der Dieb recht, muss der Wachmann dem Dieb eine Münze zahlen.

Diese Prozedur geht reihum so lange, bis das Geld der Bank komplett unter den Spielern verteilt wurde oder einer der Spieler es schafft, nicht nur die Rolle des Bürgers zu erlangen, sondern obendrein auch noch die tatsächlichen Rollen aller Mitspieler zu benennen. In diesem Fall erhält er das Geld aller Spieler und wird zum Sieger ernannt.
Dieser Moment soll verdeutlichen, dass im Falle einer erfolgreichen Revolution die Bürger als Sieger daraus hervorgehen.

Hamlet: Danke, das klingt sehr spannend.
Welche Spiele führt Ihr noch im Programm? Oder sind es aktuell nur diese zwei?
Aschkan: Ja, es sind nur diese zwei, allerdings stehen wir in Verhandlungen mit potenziellen ausländischen Partnern, da wir deren Spiele gern für den iranischen Markt lokalisieren würden.

Hamlet: Um welche Spiele handelt es sich da eventuell?
Aschkan: Genaue Titel kann ich noch nicht nennen, es wird jedoch um Escape Spiele gehen.

Hamlet: Sehen Sie ein Wachstum in der iranischen Spielebranche?
Aschkan: In den letzten zwei Jahren hat sich das extrem gesteigert, so dass die fünf hier in Essen vertretenen Verlage in genau diesen letzten zwei Jahren gegründet wurden.
Früher waren Gesellschaftsspiele keine Hobbyspiele an sich, sondern galten sie vielmehr als Spielzeug.
Das Phänomen des Wachstums der Brettspielbranche ist eindeutig auf die 2000er Geburtenjahrgänge zurück zu führen. Es ist ein Trend zu erkennen weg von Videospielen hin zu geselligen, analogen Spielen. Der Einsamkeit am Smartphone wird durch diese Entwicklung entgegengewirkt. Über 300 Brettspielcafés gibt es mittlerweile.
Es gibt lediglich etwas mehr als 10 im Iran produzierte Spiele mit iranischem Thema und Lizenz von iranischen Autoren. Bei dem Großteil der dort gespielten Spiele handelt es sich um Lokalisierungen von ausländischen Spielen oder gar Spielen in englischer Sprache.

Hamlet: Welche Rolle spielen Kinderspiele im Iran?
Aschkan: Kinderspiele sind und waren schon immer als Spielzeug angesehen. Hier hinkt die Entwicklung der der Spiele für Erwachsene hinterher, auch wenn hier bereits ein Wachstum zu erkennen ist.
Kinderspiele hatten schon immer einen gewissen Marktanteil. Ein neues Phänomen bilden hier nicht nur die Millennials, sondern auch die Kinder der 70er und 80er, die aus der Erinnerung an die Zeit in den Luftschutzbunkern während des Iran-Irakkrieges heraus, in denen Brettspiele wie Cluedo und Monopoly gespielt wurden, wieder zu den Brettspielen zurückgekehrt sind. Hier hatte man in schlimmen Zeiten etwas Schönes miteinander erlebt und diese Art der Geselligkeit nun wiederentdeckt.

Hamlet: Ja, das kann ich aus meiner eigenen Kindheit heraus bestätigen.
Aschkan: Es gab eine lange Zeit keine wirklich moderne Brettspielkultur im Iran. Die Catan-Zeit ist erst Mitte der 2000er im Iran angekommen.

Hamlet: Der Wirtschaftszweig Brettspiele ist also stark wachsend?
Aschkan: Ja, er befindet sich stark im Wachstum, allerdings bewegt sich der iranische Markt hier im Vergleich zum amerikanischen und europäischen Markt gerade mal bei etwa 20%.

Hamlet: Danke Aschkan für das sehr interessante Gespräch und viel Erfolg auf der Messe!
Aschkan: Ja, vielen Dank, Hamlet!

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